25.04.12
Die Ärzte
Komische Musik
Die Ärzte und ihr neues Album. „Das Ende ist noch nicht vorbei“ – unter diesem Motto gehen die Ärzte 2012 wieder auf Tour und haben dabei ihr neues Album im Gepäck. Diskotheken und Rockschuppen des Sektors, nehmt euch also in Acht!

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„Die beste Band der Welt“ ist am 25.+ 26.5. in Oberhausen und hat jede Menge Uhuhuhus, Streicherkaskaden und sportlich moderne, altmodische Beats mitgebracht.

Hatten die Ärzte bei ihren letzten Gastspielen im Dezember 2011 das Publikum in der Dortmunder Westfalenhalle noch nach Geschlecht aufgeteilt (HEINZ berichtete), dürfen nun Männlein und Weiblein ebenso wie Abweichler der klassischen Geschlechterrollen gemeinsam an zwei aufeinanderfolgenden Abenden „die beste Band der Welt“ live und in Farbe genießen. Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González sind dem Haudrauf-Punkrock zwar längst entwachsen, aber die nonkonformistische Haltung zur Musikbranche haben sie sich trotz allem bewahrt. Mit dem neuen Album „auch“ will sich das Trio musikalisch einmal mehr neu erfinden, die Texte pendeln wie gewohnt zwischen Albernheit, Gesellschaftskritik und Ironie. Olaf Neumann sprach mit Sänger und Gitarrist Farin Urlaub alias Jan Vetter (48) über Jugendwahn, alte Ehen und authentischen Rock’n’Roll.

 

Olaf Neumann: Ihr neues Album heißt „auch“. Wie kommt man auf einen solchen Titel?

Farin Urlaub: Bela hat sich sehr vehement dafür eingesetzt, dass wir diesen Namen nehmen. Die Idee dazu kam ihm, nachdem er immer wieder an Werbeplakaten für Alben von anderen Bands vorbeigegangen war. Irgendwann dachte er sich: Wie toll wäre es doch, wenn daneben ein Plakat hinge mit dem Text: „Die Ärzte auch“. Damit hat er uns dann überzeugt.

Versuchen Sie, die Band mit jedem Album neu zu erfinden?

Farin Urlaub: Wenn man so will, erfinden wir uns mit jedem Lied neu. Es gibt ein paar Die Ärzte-Songs, die klingen wie andere Die Ärzte-Songs, aber der größte Teil klingt eben anders. Das sind singuläre Ereignisse, bei denen man vielleicht noch unsere Stimmen zuordnen kann. Wir sind ja nicht Madonna, wir sind immer noch die drei „Piepels“ aus Berlin, die ihre seltsame Musik machen.

Bei Madonna nimmt der Jugendwahn immer bizarrere Züge an. Machen Sie sich eigentlich Gedanken über Ihr Aussehen?

Farin Urlaub: (lacht) Nein, wir sind ja auch Männer. Das Aussehen steht für uns einfach nicht im Vordergrund. Ich bin fast 50, aber ich sehe älter aus. Wir machen halt unsere komische Musik, und versuchen nicht zwanghaft, Teenie-Sprache zu imitieren. Das Album heißt weder „LOL“ noch „ROFL“ und wir singen auch nicht über Pickel. Es ist einfach unsere Art von Erwachsenenalbum. Immerhin ist ein religionskritisches Stück drauf.

Wird es schwieriger, Themen zu finden, über die Sie noch nicht geschrieben haben?

Farin Urlaub: Ja. Natürlich könnte ich jetzt einfach den Duden aufschlagen und sagen: „Hier: Ich habe noch kein Lied über Pleonasmen geschrieben!“ Aber so möchte ich nicht enden. Es gibt viele Lieder von mir, die sich mit Liebe befassen. Das ist halt ein Feld, das man unheimlich gut beackern kann. Manchmal, wenn ich die Musik für einen Song geschrieben hab, stelle ich mir die Frage: „Und was singe ich jetzt dazu?“

Für diese Albumproduktion standen Ihnen ganze 42 Stücke zur Verfügung. Tut es weh, für den Papierkorb zu schreiben?

Farin Urlaub: Es gab offenbar sogar 43, wobei Bela vergessen hat, uns einen vorzuspielen. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass vieles im Mülleimer landet. Irgendwann wird es eine große CD-Box geben mit meinen liebsten unveröffentlichten Demos.

Der Eröffnungssong heißt „Ist das noch Punkrock?“ Manche Fans meinen, Sie seien nicht mehr punkig genug. Stellen Sie sich diese Frage manchmal selbst?

Farin Urlaub: Nein. Für uns ist Punkrock spätestens seit Ende der 1980er Jahre kein Thema mehr. Es ist die Musik, mit der wir sozialisiert wurden und die ich immer noch unglaublich gerne höre. Sie gibt mir viel Energie. Wir haben uns gegründet als Teenie-Pop-Band und sind dann immer mehr in den Rock abgedriftet. Ich bin fast 50 und habe ausreichend Geld. Außer unserer Attitüde ist da nicht mehr viel mit Punkrock. Es wäre peinlich, wenn wir uns noch an eine Szene klammern würden, der wir längst entwachsen sind.

Wie muss das Umfeld beschaffen sein, in dem Sie das Gefühl haben, das Beste aus sich rausholen zu können?

Farin Urlaub: Wir sind eine extrem familiäre Band. Unsere engsten Crew-Mitglieder sind zum Teil schon seit Dekaden dabei. So ähnlich ist das auch bei unserem kleinen Label. Wir versuchen möglichst mit denselben Leuten zusammenzuarbeiten. Wenn es zu einer Neuveröffentlichung personelle Umbesetzungen gibt, gucken wir, dass wir uns erst mal kennenlernen. Der persönliche Draht ist uns total wichtig.

Das Lied „Cpt. Metal“ handelt von einem Superhelden, der angetreten ist, die Musikwelt zu retten. Ist die alternative Musikszene mittlerweile nicht genauso kommerzialisiert wie der Mainstream?

Farin Urlaub: Das kommt drauf an, wo du deine akustischen Informationen her hast. Das, was im Radio läuft, hat zwar oft das Label „Alternative“, aber es ist ja nicht alternativ. Es ist von Majorlabels gepushte Musik, die nach bestimmten Strickmustern funktioniert. Es gibt zum Beispiel Rock-Ladys, die singen in so einem rockigen Stil. Die haben alle dieselbe Stimme. Furchtbar! Da ist man echt dankbar für eine wie Amy Winehouse, die mehr Rock’n’Roll war als diese ganzen hochtoupierten Grütz-Mädels. Dass sie dann schon wieder so viel Rock’n’Roll sein musste, dass sie sich in so jungen Jahren das Leben weggedrogt hat, ist natürlich schade. Für mich ist das meiste, was im Radio läuft, unhörbar. Jetzt muss natürlich wie aus der Pistole geschossen die Frage kommen: Aber ihr lauft doch auch im Radio! Dazu kann ich nur sagen: Das kriege ich nicht mit, weil ich kein Radio höre. (lacht)

 

Olaf Neumann

Die Ärzte König-Pilsener-Arena, Arenastr. 1, Oberhausen; Termin: 25.+26.5., 20 Uhr; LEIDER „AUCH“ AUSVERKAUFT!!!