10.02.12
Mir fesselt man die Seele!
ELISABETH – Das Musical kommt nach Essen
Im Jahr 1992 feierte das Musical von Michael Kunze und Sylvester Levay seine Weltpremiere bei den Vereinigten Bühnen Wien. Nun kommt die Tourneefassung in der Inszenierung des Wiener Originalteams zum 20-jährigen Jubiläum zurück auf die deutschen Bühnen.

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Wer in Wien auf den Spuren Sisis wandelt, für ein paar Stunden auf Schloss Schönbrunn residiert, einen Blick in die Augustinerkirche wirft und in die Kaisergruft hinabsteigt, erhält eine Ahnung von dem Leben einer jungen Frau, die sich – überfordert und einsam in ihrer neuen Rolle am kaiserlichen Hof – in die Poesie flüchtet…

 

Es ist einer der wenigen heißen Tage dieses Sommers, als eine Gruppe von Journalisten in die Wiener Kaisergruft unter der Kapuzinerkirche hinabsteigt und in der kühlen Stille der Begräbnisstätte in die Vergänglichkeit der Dynastie Habsburg taucht. Wenn man von Elisabeth redet, fängt man mit ihrem Tod an... Und so erscheint es auch als einzig schlüssiger Einstieg, dass das opulente Musical über das Schicksal der schönen Kaiserin von Österreich, das wenige Wochen später mit der zauberhaften Annemieke van Dam in der Hauptrolle in Köln Premiere feiert, im imaginären Reich der Toten und Träumer beginnt: Ein unsichtbarer Richter verhört den italienischen Attentäter Luigi Lucheni, der Elisabeth kurz zuvor ermordete. Er habe der Kaiserin damit einen Gefallen getan, so Lucheni, sei doch der Tod ihr Geliebter gewesen. Und da ist sie: die erste Ahnung von dem tragischen Sein einer jungen Frau, die zu Lebzeiten mehr hergeben musste, als heute, über 100 Jahre nach ihrem Tod, in ihrem von Kaffeetassen und Pillendöschen blickenden Gesicht zu lesen ist. Mörder Lucheni ist der Mann, der uns zwischen Spott und Lakonie als Erzähler durch eine Handlung führt, die das weit bewegte Nachleben der Kaiserin unter Beibehaltung historischer Wahrhaftigkeit nachzuvollziehen versucht. „Die Aktualität des Stoffes liegt in dem Verlust von Sicherheiten – durch diese Frau als Symbol auf den Punkt gebracht. Jede Zeit sucht sich stets das, was sie interessiert. Und so kam es, dass der Tod zum Liebhaber in diesem Musical gemacht wurde“, erklärt Michael Kunze, der fünf Jahre schrieb und feilte, bis das erste Libretto ausgearbeitet war. Elisabeth und der Tod – diese besondere Beziehung. Sowohl zu Lebzeiten (1837-1898), als sie mit dem Lebensende liebäugelte und ihre Sehnsüchte in Gedichten niederschrieb, als auch jetzt, auf der Bühne, wo sie und ihr junger Liebhaber namens Tod diese starke gegenseitige Faszination spüren. „Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth!“, singt das gesamte Ensemble im Prolog. Doch was für ein Leben sehnt sich nach dem Sterben? Es sind eindringliche, stimmungsvolle, jedoch nicht ablenkende Bilder, zentral: drehende Bühnenelemente und eine schwenkbare Brücke, die Regisseur Harry Kupfer und Bühnenbildner Hans Schavernoch darauf antworten lassen.

 

„Sei streng! Sei stark! Sei kalt! Sei hart!“ Die Worte der Erzherzogin Sophie peitschen durch den Raum. Und sie gelten ihrem Sohn, Kaiser Franz Joseph von Österreich. Soeben versucht die energische Frau, der „einzige Mann am Hof“, seine Politik in ihrem Hass gegen die Ungarn zu beeinflussen. Ehrgeiz und Disziplin schwirren durch die Luft, pressen das Publikum in seine Sitze, während sich der Sohn seiner Mutter unterwirft. Im Hintergrund tanzen die Marionetten am kaiserlichen Hof vor kühler Kulisse. Doch der Moment, da er sich in Sachen Liebe flüchtig widersetzen wird, steht unmittelbar bevor…

 

Ein Blick in die Geschichte. Als der 23-jährige Franz Joseph nicht – wie von seiner Mutter und deren Schwester, Herzogin Ludovika in Bayern, geplant – Elisabeths älteste Schwester Helene heiratet, sondern unerwartet das 15-jährige verspielte Naturkind vorzieht, ist das Schicksal von Elisabeth besiegelt. In nur wenigen Monaten hat sie ein gewaltiges Lernpensum zu erfüllen, um sich auf ihre neue Rolle als zukünftige Kaiserin vorzubereiten. Weinend reist sie im April 1854 an Bord eines Dampfers nach Wien, wo sie von tausenden jubelnden Menschen erwartet wird. Ihre Tränen werden falsch gedeutet: Es ist kein Ausdruck der Freude, es ist die pure Angst vor dem, was an der Seite des begehrtesten Junggesellen Europas auf sie warten wird...

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7. Szene des ersten Aktes: Im Ballsaal auf Schloss Schönbrunn laufen die Hochzeitsfeierlichkeiten, und bereits zum zweiten Mal nach ihrem Sturz bei einem Zirkusauftritt begegnet Elisabeth dem Tod (betörend stimmgewaltig: Mark Seibert), der als Gast und jung-erotischer Nebenbuhler von Franz Joseph seine Rechte einfordert: „Der letzte Tanz gehört mir“. Einzig: Elisabeth muss ihm freiwillig folgen. Doch noch ficht diese gegen die Fremdherrschaft durch die Schwiegermutter. „Eine Kaiserin muss glänzen im Bewusstsein ihrer Pflichten“, nimmermüde käut Sophie die erzieherische Ansage wieder, „ich dulde keinen Müßiggang“. Krone, Macht und Thron haben das Sagen, doch Elisabeth hat das Gehorchen nicht geübt. Gezwungen unter ein Joch am kaiserlichen Hof, dressiert von der Schwiegermutter – die unverkrampfte, gebildete und aufgeklärte Elisabeth spürt Elendigkeit. Noch wähnt sie in ihrem Mann einen Verbündeten – und stößt auf seine Gefühlskälte. „Lässt Du mich im Stich?“, fragt sie ihm verloren hinterher.

 

„Es gibt einen entscheidenden Moment in Elisabeths Leben, sozusagen die Wende“, betont Michael Kunze wenige Wochen zuvor in Wien, als Annemieke van Dam in der Privatwohnung von Sylvester Levay auf Schloss Schönbrunn den Song „Ich gehör nur mir“ anstimmt. „Elisabeth wacht auf! Diese Wandlung vom Trotz eines jungen Mädchens zur Selbstbehauptung einer Frau steckt in diesem Song.“ Und ja, es ist ein berührender Moment, wenn Elisabeth in Einsamkeit die große Melodie singt. „Wenn andere Menschen versuchen, mich zu schwächen, packt mich die Wut – dieser Song stärkt mich dann“, Annemieke van Dams Augen blitzen auf, als wir nach unserer Hausführung im Theater an der Wien durch den Burggarten spazieren. „Jeder hat Momente im Leben, in denen er mit sich und der Welt hadert und sich fragt: Was mache ich hier eigentlich? Da sieht man mal, wie Elisabeth über Jahre hinweg gefühlt haben muss. Sie singt diesen Song zum ersten Mal nach ihrer Hochzeitsnacht, als nur die Zofen auf sie blicken und ihr Mann sagt: ‚Tu, was Sophie sagt’. Diese Einsamkeit kann man sich in Zeiten von Mails und Handys kaum vorstellen. Und da kommt dieses Revolutionäre in ihr auf! Wobei…“, die niederländische Darstellerin wird nachdenklich, „dass sie dann aber sogar ihre Kinder vernachlässigt, ist schon sehr krass!“

 

Das Drama auf der Bühne spitzt sich zu: Während der Tod Elisabeths Verzweiflung schürt, verspricht, sie in eine bessere Wirklichkeit zu führen, wehrt sich die junge Frau (noch) gegen seine Verführungskünste – und muss mit ansehen, wie die Schwiegermutter ihr die eigenen Kinder entzieht. Eigene Waffen müssen her, Elisabeth steigert sich in einen Schönheitswahn, peinigt ihren Körper und scheut sich nicht vor dem Gang in eine Nervenklinik, um mit den Patienten zu sympathisieren. „Ich wollt, ich wäre wirklich du in der Zwangsjacke statt im Korsett, dir schnüren sie nur den Körper ein, mir fesselt man die Seele“. Ihr grausamer Seelenschmerz wächst, ebenso ihr Wunsch nach Freiheit – selbst, als sie die Versöhnung des Kaisers mit Ungarn herbeiführt und der Einfluss von Sophie auf ihren Sohn schwindet. Schließlich verführt Sophie mit ihrer entmachteten Hofkamarilla den Kaiser zur Untreue. Als Elisabeth krank wird und vom Ehebruch ihres Mannes erfährt, weiß sie: „Wo seine Moral vorbei ist, fängt meine Freiheit an!“ Ruhelos reist sie fortan von Ort zu Ort, reitet, schreibt, wandert, wird zusehends lebensferner und übersieht, als sie nicht mehr erreichbar ist, wie sehr ihr Sohn Rudolf sie braucht. Der Kronprinz verzweifelt – und wird 1889 vom Tod geholt. Elisabeths Wunsch zu sterben wird übermächtig, doch jetzt lässt der Tod sich bitten. Es dauert noch einige Jahre, bis er Elisabeth und Lucheni am Genfer See zusammenführt...

 

Lucheni zückt die Feile, Elisabeth bricht zusammen, der Mörder greift zum Strick. Der Vorhang fällt. Was bleibt, ist Beklemmung. Und das Wissen um eine so intensive wie meisterhafte Inszenierung. Wenn man von Elisabeth redet, fängt man mit ihrem Tod an. Und schließlich endet man mit ihm. Schon früh hatte sie mit ihm Freundschaft geschlossen. „O!, dass ich nie den Pfad verlassen, der mich zur Freiheit hätt‘ geführt!“ Worte der erst 16-jährigen Elisabeth im Jahr 1854 – wenige Wochen nach ihrer Hochzeit.

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Historische Hintergründe

Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern (auch Sisi und Sissi genannt; * 24. Dezember 1837 in München; † 10. September 1898 in Genf, ermordet) war eine Prinzessin aus der herzoglichen Nebenlinie Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen des Hauses Wittelsbach und durch ihre Heirat mit Franz Joseph I. ab 1854 Kaiserin von Österreich und seit dem Ausgleich von 1867 auch Apostolische Königin von Ungarn. Elisabeth entstammt der Linie der Herzöge in Bayern und war die zweite Tochter des Herzogs Max Joseph in Bayern (1808-1888) und seiner Frau Prinzessin Ludovika Wilhelmine (1808-1892).

Autor: susa

 

ELISABETH – Das Musical Colosseum Theater Essen

Termine: 8.2.-4.3.2012

Preise: wochentags ab 40,50 € (VVK), am Wochenende gelten andere Preise

Tickets unter 01805 570099

 

http://www.semmel.de