25.09.13
Nachts in der Firma
Techniklandschaft NRW – Terra incognita.
Im Oktober sorgen zwei Spätveranstaltungen für die seltene Gelegenheit, in Augenschein zu nehmen, was Industrie, Forschung und IT zwischen Rhein und Ruhr alles können.

 Siempelkamp Gießerei, Krefeld | Foto: Rainer Keuenhof

76 Industrieunternehmen öffnen in der „Langen Nacht der Industrie“ ihre Türen und stehen Nicht-Werksangehörigen Rede und Antwort. Bei der „Techniknacht Ruhr“ wird die Vielfältigkeit von Technik in verschiedenen Berufsfeldern und Anwendungsgebieten gezeigt. 32 Wirtschaftsunternehmen, Institutionen der öffentlichen Hand, Universitäten und Forschungseinrichtungen laden dabei zu Führungen und Mitmach-Aktionen.

Was passiert eigentlich hinter den Werktoren unserer Industriegebäude, was spielt sich ab in den Fabriken? Wo wird in NRW der Sirup hergestellt, der Gummibärchen und Bonbons unwiderstehlich macht? Wer macht hier aus Hafer Flocken? Wie kommt Tee in Beutel, und was passiert mit unserem Müll? Das Spektrum an Produkten, die zwischen Rhein und Ruhr erfunden, entwickelt und fabriziert werden, ist immens. Es reicht vom Düngemittel bis zum Autositzbezug, landet beim örtlichen Lidl oder in Fernost. Wir sitzen darauf, essen davon oder benutzen es ohne Ahnung davon.

Die meisten von uns wissen nur ansatzweise, was für Branchen in dieser Region beheimatet sind, welche außergewöhnlichen Produktionsprozesse sich hier abspielen, wer alles dort arbeitet und was man dort macht. Terra incognita, oft nur einen Steinwurf von der eigenen Haustür entfernt! Dass hier Abhilfe geschaffen werden muss, ist klar.

Jetzt sorgen gleich zwei Techniknächte für einen Blick hinter die Kulissen. Die eine findet schon zum sechsten Mal statt: 2008 wurde „Die Lange Nacht der Industrie“ von der Agentur prima events gmbh auf Initiative der Handelskammer Hamburg und des Industrieverbandes Hamburg aus der Taufe gehoben. Mehr als 300 Unternehmen haben sich dabei einem breiten Publikum zwischen 14 und 70 präsentiert und erklärt.

Für die Entdeckungsreisenden tun sich neue Welten auf. Bei der DK Recycling und Roheisen GmbH in Duisburg wird man Zeuge, wie aus Reststoffen der Stahlindustrie wieder hochwertiges Roheisen entsteht – über 1500 Grad heiß, orangerot flüssig. Im Siemens-Werk in Mülheim erhält man Einblick in die Turbinenfertigung, z.B. für Atomkraftwerke in Finnland. Tonnenschwer gehen die Edelstahlkolosse gleich vor Ort aufs Wasser, denn das Werk liegt dafür günstig am Mülheimer Hafen.

Auch bei Bayer CropScience in Monheim stehen die Türen zu der ungewöhnlichen Uhrzeit offen. Von 18 bis 22 Uhr können die Besucher hier das Tropicarium und die Fungizidforschung kennen lernen. In dem Miniatur-Dschungel gedeihen auf einer Fläche von 300 Quadratmetern Dattelpalmen neben Reis, Zuckerrohr neben Obstgehölzen oder China-Zimt neben afrikanischen Mahagonibäumen. Die Gäste erfahren zudem, welche Hürden und Herausforderungen Forscher und Entwickler auf der Suche nach neuen Wirkstoffen und effektiven Schädlingsbekämpfern meistern müssen. Schließlich schafft es nur etwa eine von 100.000 Verbindungen zu einem marktfähigen Produkt.

Viele Unternehmen nehmen jedes Jahr aufs Neue teil. Die Veranstaltung ist für sie eine gute Möglichkeit, ihr Produkt- und Tätigkeitsspektrum potenziellen Mitarbeitern vorzustellen. Die produzierende Wirtschaft leidet nämlich unter Fachkräfte- und Nachwuchsmangel, mittelständische Familienbetriebe genauso wie internationale Konzerne. Von den Führungen darf man sich also einiges erwarten: Jede Frage wird beantwortet, viele Details erklärt. Insgesamt 76 Unternehmen stellen sich am 17. Oktober im Rahmen der „Langen Nacht der Industrie“ dem Publikum. Klar, dass man bei der Anmeldung seine Personalausweisnummer angeben muss und im ein oder anderen Fall nicht fotografiert werden darf: Innovative Neuentwicklungen müssen gegen Industriespionage gefeit sein. Manche Führungen eignen sich nicht für Menschen mit Herzschrittmacher. Bei anderen muss man schwindelfrei sein. Vor Buchung einer Tour, die 2 Unternehmen anfährt, gilt es also, die Sicherheitsanforderungen zu lesen! Außerdem sollte man sich schnell für eine Tour entscheiden. Einige sind nämlich schon ausgebucht.

Ein Blick auf die Anlagen der Industrie bei Sonnenuntergang | Foto: Judith Wagner

Sechs Tage vorher, also schon am 11. Oktober, lädt auch der VDE Rhein-Ruhr e.V. zur regionalen Techniknacht. Auch hier möchte man ganz besonders den technischen Nachwuchs ansprechen, denn: „Wir laufen in einen Fachkräftemangel hinein, der zum Innovationshemmnis werden kann“, stellt der Initiator und VDE-Vorstandsvorsitzende Martin Trinter fest. „Dabei gibt es im Bereich der Elektro- und Informationstechnologie exzellente Berufschancen.“ Im VDE sind 1.300 Unternehmen aus der Elektro- und Informationstechnik, aber aber auch Hochschulen, verbunden. 32 von ihnen sorgen am 11.10. für Einblicke in die Themengebiete Forschung, Entwicklung und Produktion. Wie Technik den Alltag bestimmt, soll bei rund 200 Führungen, Experimenten, Präsentationen und Mitmachangeboten für Jung und Alt deutlich werden.

So verfolgt bereits seit 2002 ein interdisziplinäres Forschungs- und Entwicklungsteam aus Bauingenieuren, Maschinenbauern, Elektrotechnikern, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern das ehrgeizige Ziel, den Gütertransport unterirdisch stattfinden zu lassen. Die Kapazitätsgrenze der Straße ist schließlich längst erreicht. Unter der Erde jedoch bremst kein Stau, keine rote Ampel, keine Panne und kein Unfall den Materialfluss aus. Auch Schadstoffbelastung und Verkehrslärm ließen sich so aus der Welt schaffen. Wer erleben will, wie die Prototypen aerodynamischer CargoCaps unterirdisch Paletten transportieren, sollte sich den Besuch der Modellstrecke in Bochum nicht entgehen lassen.

An anderer Stelle wird schon automatisch alles vorsortiert: Im Briefzentrum Dortmund steht das Exemplar einer weltweit einzigartigen Großbriefsortiermaschine. Der von Siemens entwickelte 25 Meter breite, 50 Meter lange und 6 Meter 20 hohe Koloss kann in einer Stunde 40.000 Briefe in Gangfolge sortieren: Er packt alle Sendungen schon passend aufgeteilt und in richtiger Reihenfolge in Kisten. Die für den jeweiligen Bezirk zuständigen Briefträger brauchen ihre Kiste quasi nur noch nehmen und die vorsortierten Briefe nacheinander austragen.

Tief ins Erdinnere geht es auch in Recklinghausen. Hier wartet auf die Besucher die seltene Gelegenheit, einen Stollen zu besuchen. Normalerweise bleibt dieses Trainingsbergwerk Facharbeitern, Technikern und Ingenieuren vorbehalten. Die testen hier auf 1.200 Meter Strecke Spezialmaschinen und Automatisierungstechnik. Am 11. Oktober können sich auch Neuankömmlinge unter der Halde einmal wie „Kumpel“ fühlen und neben der Theorie sogar praxisnah trainieren – für einen der extremsten Jobs der Welt.

In Essen gilt es den größten Handelsraum Europas zu besichtigen: Der atemberaubende „Trading Floor“ misst 2.300 m² und sechs Meter Deckenhöhe – ausreichend Platz für die rund 50 Händler, die hier sogenannte Energieprodukte kaufen und verkaufen. Denn auch Energie und energienahe Rohstoffe werden heutzutage wie Aktien gehandelt. Unterstützt werden die Händler von mehr als 200 Analysten, Physikern, Mathematikern, Ingenieuren, IT-Experten und sogar Meterologen. Alle Informationen entscheiden über Kauf und Verkauf – nicht selten in Sekunden.

Die Hochschule Bochum zeigt, was sie im Bereich Elektromobilität auf dem Kasten hat. Das studentische Team von SolarWorld GT stellt ein solarbetriebenes Fahrzeug vor, mit dem es die Welt umrundete und sogar ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Im Internationalen Geothermiezentrum präsentiert die Hochschule ihr Know-how im Bereich der Erdwärmenutzung und erklärt, wie sie im Gebäudemanagement effizient eingesetzt wird.

Bei der TU Dortmund steht die Energiewende im Mittelpunkt ihrer Führungen und Vorträge. Im Kompetenzzentrum für Elektromobilität, Infrastruktur und Netze trifft sich die Zukunft der Mobilität mit der Zukunft der Energieversorgung und stellt so manche Technologie auf den Prüfstand.

Der Besuch bei den Wissenschaftsstationen der Techniknacht lohnt sich nicht nur für Studieninteressierte, sondern für jeden, der den Dingen einmal auf den Grund gehen möchte.

Frühbucher können sich im Vorverkauf schon mal zwei Führungen sichern. An fast jeder Station gibt es neben Führungsterminen, die so eine Vorreservierung benötigen, auch spätere Uhrzeiten, zu denen man spontan an einer Führung teilnehmen kann. Zusätzlich gibt es an zehn Stationen ein Non-Stop-Programm. Das Programmheft liegt an vielen Stellen im Ruhrgebiet aus. Darin ist auch ein Überblicksplan über die vier Shuttlebuslinien, angebunden an den ÖPVN.

Isabelle Reiff

Techniknacht Ruhr am 11.10.2013, 17.30-22.30 Uhr. Anmeldung über http://www.ruhrticket.de und diverse Vorverkaufstellen, siehe http://www.techniknacht-ruhr.de/tickets_preise. Im Ticketpreis von 15 € (ermäßigt 10 €) sind alle Touren, Shuttle-Busse und die Benutzung des ÖPNV enthalten. Man kann sich seine eigene Techniknacht zusammenstellen. Zu unterscheiden sind Führungen mit Vorverkaufsreservierung (gelber Button) und Führungen, die kurzfristig besucht werden können (blauer Button). Wer twitter.com/techniknacht oder dem Hashtag #TechniknachtRuhr folgt, erhält am Veranstaltungstag immer die aktuellsten Infos über Führungen, die in der nächsten halben Stunde starten und die verfügbaren Plätze.

Lange Nacht der Industrie am 17.10.2013, 18-1 Uhr. Anmeldung über http://www.langenachtderindustrie.de/standorte/rhein-ruhr/anmeldung.html. Es müssen 3 Touren angegeben werden, da viele von ihnen schnell ausgebucht sind. Jeder Teilnehmer muss mindestens 14 Jahre alt sein und sich persönlich anmelden. Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nur in Begleitung einer Aufsichtsperson mitfahren. Wer mit mehreren Teilnehmern auf dieselbe Tour gehen will, kann bei der Online-Anmeldung einen Buchungscode anfordern, den er dann an die übrigen Teilnehmer weitergibt. Alle Tourbusse starten um 17.30 Uhr von unterschiedlichen Startpunkten. Die Touren enden um ca. 22.30 Uhr wieder am Startort. Die Teilnahme ist kostenlos.