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Als sich im November letzten Jahres ein paar Protestierer im Zuccotti Park in Manhattan niederließen und erklärten, sie „besetzten“ nun die Wall Street, wussten sie, die Politpunker aus Pittsburgh, dass sie den Soundtrack zur Occupy-Bewegung liefern würden. „The General Strike“ ist nicht nur der Titel ihres brandneuen Albums, sondern auch das Motto, mit dem sie im April auf intime Clubtour gehen.
Der Kleinlieferwagen nähert sich unauffällig, ein schwarzer Sack wird über den Kopf des Opfers gezogen – und los geht die Fahrt ins Ungewisse. Als die Entführer vor Ort kräftig mit der Faust zulangen, das Hämmerchen zur Fußnagelbearbeitung zücken und den Schlagstock für das gute Gefühl in der Magengegend schwingen, kennt die Folter keine Grenzen mehr… STOP THE NDAA. Mit diesen Worten endet die Grausamkeit. Und im Hintergrund grölen die Kidnapper – allesamt Muppets! Muppets? In Kooperation mit Amnesty International feierte im März das Video zu Anti-Flags neuer Single „This Is The New Sound“ Premiere auf der Webseite der Menschenrechts-Organisation. Muppet-Figuren kidnappen die Mitglieder der Punkrock-Band, berauben sie ihrer Rechte und misshandeln sie. Auf den ersten Blick spaßig, auf den zweiten beklemmend. Im Kern geht es hier um den kürzlich verabschiedeten NDAA („National Defense Authorization Act“), mit dem auch Befugnisse des Militärs ausgeweitet wurden, amerikanische Bürger und Ausländer auf Verdacht terroristischer Handlungen ohne Anklage und Gerichtsverfahren zeitlich unbegrenzt zu inhaftieren. Weder Anti-Flag noch Amnesty International dulden diese Menschenrechts-Beeinträchtigung und schlagen Alarm. „Was ich in den vergangenen Monaten gesehen habe, lässt mich die Polizei mehr hassen, als ich es in meinem ganzen Leben getan habe“, sagt Sänger Justin Sane in seiner schier endlosen Wut auf die Polizei, die in den USA gewaltsam gegen die Demonstranten der Occupy-Bewegung vorging.
Sie backen gemeinsam mit Peta2 vegane Waffeln auf der Straße, unterstützen die Greenpeace Urwaldpostamt-Aktionen für den Erhalt der Indonesischen Urwälder zum Schutz der Orang-Utans oder aber organisieren gemeinsam mit Bestseller-Autor und Bush-Kritiker Michael Moore die größte nationale Anti-Kriegs-Demonstration seiner Zeit in den Vereinigten Staaten – Anti-Flag wollen bewegen, die Menschen in eine zukunftsfähige Gesellschaft führen und verstanden sich als Band schon immer, so Sane, als „die Gewerkschaft des Volkes“. Und das bereits seit fast zwanzig Jahren.
Es war das Jahr 1993, als die befreundeten Justin Geever (Justin Sane) und Patrick Bollinger (Pat Thetic) beschlossen, eine Band zu gründen. Nach einigen EPs sowie Split-CDs mit anderen Pittsburgher Bands erschien im Jahre 1996 Anti-Flag’s Debütalbum „Die For The Government“, welches thematisch einen Schwerpunkt auf die Entwicklung der Punkszene sowie den Polizeistaat legte. Und auch sieben Alben später ist die Wut noch nicht verraucht. Die Wut über Versprechen, die Politiker täglich brechen – ein Barack Obama wie einst ein George W. Bush – , die Wut darüber, dass Menschen verhungern und unter unwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. Die Wut über die Zerstörung der Umwelt. Und vor allem die Wut über die Gier einer handvoll mächtiger Größenwahnsinniger, die sich um jeden Preis die eigenen Taschen vollmachen wollen.
„People are fed up with the economic system we have right now”, sagt Drummer Pat Thetic (baeblemusic.com). Und dass sich die Menschen weltweit gegen die Finanz- und Sozialpolitik ihrer Regierungen wehren – ob nun in Tunesien, Griechenland, Israel oder den USA – das ist Justin Sane, Bassist Chris #2, Gitarrist Chris Head und Drummer Pat Thetik nur recht. Arabischer Frühling meets Occupy – Menschen haben plötzlich eine Stimme und finden Gehör. All dies sind Schwingungen, die die neue Scheibe „The General Strike“ (SideOneDummy Recods) maßgeblich beeinflussen sollten. Es sind Hardcore-lastige Ohrwürmer und The Clash-inspirierte Polit-Hymnen auf weniger als 30 Minuten Spielzeit – wütend, melodisch, aber vor allem intelligent auf den Punkt gebracht. So zitieren sie in „1915“ aus dem Testament des hingerichteten US-Arbeiterführers Joe Hill (1879-1915), dessen Fall zu einem der größten Justizskandale der USA wurde, und rücken in „The Ghosts of Alexandria“ – mit Blick auf den ehemals bedeutenden Hafen und Umschlagsplatz für den Sklavenhandel – einen Teil dunkler US-Vergangenheit in den Fokus. Der Titel „The General Strike“ darf dabei durchaus doppeldeutig verstanden werden: Ob im Angriff oder aber im Streik – die Hauptsache ist, dass Menschen anfangen, sich zu wehren. Und es ist egal, ob sie dies in Knüpfbatik-Hosen oder mit schwarzen Masken über dem Gesicht tun. „The strike or the boycott are really the only tools the population has to fight against power. If you use violence, people in power always have more access to violence than the population does. So the only way of getting any type of change in the world is through withholding purchasing or withholding work. And ‘The General Strike’ is bringing that idea back”, erklärt Pat Thetic (blowthescene.com).
Im April kommen Anti-Flag nun auf Tour. Diese findet vor allem in kleineren Clubs statt, um eine fannahe Atmosphäre zu schaffen. „Europa und unsere Fans dort waren schon immer die größten Unterstützer von Anti-Flag. Um unseren Fans dort etwas zurückzugeben, hören wir auf die Wünsche unserer Freunde und haben die Tour in sehr kleine Locations gebucht, um sicherzustellen, diese Konzerte so persönlich und in engster Fanbindung wie nur möglich zu spielen“, erklärt Bassist Chris #2.
Anti-Flag können einfach keine Ruhe geben. Und solange die Dinge in dieser Welt schief laufen, werden sie sich Luft machen – und anderen die Kraft geben zu rebellieren.
HEINZ verlost 3 Vinyls „The General Strike“:
SMS mit dem Keyword bm.055.Anti.Nachname (Punkte nicht vergessen und den eigenen Nachnamen ergänzen) an die Kurzwahl 32223 (0,49 Euro/SMS) senden. Einsendeschluss: 30.4.2012
Autor: susa
Anti-Flag + Red City Radio + Hostage Calm Zentrum Altenberg, Hansastr. 20, Oberhausen; Termin: 16.4., 20 Uhr; Preis: 15/19 € (VVK/AK)