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01.02.12
Rein ins GeKu-Haus
Ein Ort mit Kultstatus
Essen. Unspektakulär ist das Haus mitten in der Essener Fußgängerzone von außen. Ein ehemaliges Gebäude der Pfandleihe wird zum GenerationenKult-Haus.

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Im völlig gewandelten Innenleben nimmt die Vision von Reinhard Wiesemann, ehemaliger IT-Unternehmer aus Wuppertal und Initiator des nahe gelegenen „Unperfekthauses“, Gestalt an: Jung und Alt unter einem Dach, zum Wohnen, Arbeiten und Entwickeln gemeinsamer Projekte.

Linoleumboden, lange Gänge, viele Türen, Kellerabteile: Im Untergeschoss der Essener Viehofer Straße 31 sieht es auf den ersten Blick nach einem ganz normalen Wohnhaus aus. Doch das gar nicht Alltägliche lauert gleich um die Ecke: Als erstes staunt man über hypermoderne Fahrradständer, welche Räder hydraulisch in die Vertikale heben. Eine Tür weiter machen nagelneuer Billardtisch, Tischtennisplatte, Schläger, Queues, Kugeln und Bälle Lust auf Spiel. Wo in jedem anderen Mietshaus schließlich eine Gemeinschaftswaschmaschine zu erwarten wäre, steht – im fein gefliesten Separée – eine Badewanne – mit Kalender zur Voranmeldung. Platz für mehr als eine(n) liefert der angrenzende Wellnessbereich mit zwei verschieden temperierten Saunen, Ruhe- und Massageraum sowie Schwallduschen.

Nicht dass es in den Wohnbereichen darüber keine Waschmöglichkeiten gäbe. Jedes Bad auf Etage 1-4 ist mit barrierefreier Dusche (passend zur Temperatur leuchtet der Wasserstrahl verschiedenfarbig), unterfahrbarem Waschtisch und einem „Washlet“ ausgestattet. Die aus Japan stammende Hightech-Toilette wärmt die Brille vor und spritzt die vier Buchstaben mit Wasser ab. Macht angeblich sauberer und spart Klopapier.


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Willkommen im „GeKu-Haus“, Abkürzung für „Generationenkulthaus“, kein normales Mehrgenerationenhaus, wenngleich das Alter der Bewohner von 23 bis 74, die Profession vom Balletttänzer bis zur Rentnerin reicht, ob deutsch, türkisch oder australisch. Bauherr Reinhard Wiesemann will sein Konzept ganz anders verstanden wissen als eine van der Leyensche Mehrgenerationen-Begegnungsstätte. Das GeKu-Haus wird und will daher auch nicht gefördert werden: „Meines Erachtens sind herkömmliche Ansätze zu oft nur auf das ausgerichtet, was die Teilmenge von Senioren möchte, die mit ‚nett zusammenleben’ und ‚ein bisschen hilfsbereit sein’ zufrieden ist. Viele andere Senioren möchten mehr“, so der 52-Jährige. „Viele generationenübergreifende Projekte kümmern sich genau so wenig darum, dass jüngere Leute arbeiten, Geld verdienen und sich eine Existenz aufbauen wollen.“

Zwei Stockwerke des GeKu-Hauses ließ Wiesemann eigens für diesen Zweck ausbauen: Die riesige 5. Etage kommt mit Schreibtischen und Besprechungsecken, begrünter Dachterrasse, Strandkörben, Hollywoodschaukeln und wetterfesten Möbeln zum Draußen-Arbeiten. „War Coworking jemals soooo schön?! Wer will, kann auch gleich dort wohnen. Muss aber nicht.“ Wiesemann ist begeistert. Hier plant er ja auch seinen eigenen Alterssitz. Spätestens mit fünfzig sollte man sich in seinen Augen darüber Gedanken machen.

Wer von Berufs wegen eher die Laufkundschaft sucht, mietet im Erdgeschoss Fläche. Die verfügbaren 333 Quadratmeter mit großen Schaufenstern an zwei Seiten dienten früher auch schon als Verkaufsraum. Jetzt hängt der nicht mehr nur mit Klamotten voll – Ultimo Fashion hat schräg gegenüber Stellung bezogen –, sondern präsentiert sich als Basar verschiedenster Artikel und Unternehmer: Alfred Krupp (nicht verwandt!), 55, vertreibt z.B. Produkte aus fairem Handel, Andree Sommer-Wallmeier, 36, versorgt eine wachsende Stammkundschaft mit Schallplatten, Raumausstatter Jörg Gockel, 45, hat sich hier eine innenstädtische Präsentationsfläche auserkoren. Gabriela Eichwald, 48, bereichert gastronomisch mit ihrem „Café Kakao“. Wer wo wie seine Waren ausstellt, wird untereinander ausklamüsert. Ob fünf Quadratmeter oder bloß ein Regalfach: Mietfläche und -zeit sind extra flexibel. Existenzgründer haben die Möglichkeit, ein paar Monate auszuprobieren, ob ihre Geschäftsidee fruchtet. Manager mehrerer Unternehmungen können testen, ob sie alles unter einen Hut bekommen.

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Marga Weindorf gab ihre Verkaufsfläche mit selbst gefertigtem Schmuck und Handarbeiten wieder auf: „Mir wurde das zuviel“, begründet die 74-Jährige, die zusätzlich im UnperfektHaus – ebenfalls einem Wiesemann-Projekt – als „Blumenfee“ arbeitet. Über diese Einnahmequelle ist sie froh: „Ich finde es wunderbar, dass hier die Möglichkeit gegeben wird, etwas dazu zu verdienen. Von meiner Rente hätte ich mir diesen Luxus nicht leisten können.“ Weindorf hat auf der dritten Etage eine Wohnung gemietet – eine der besten Entscheidungen ihres Lebens: „Ich bin hier die erste und die Älteste“, lacht sie, „und so glücklich. Vorher bin ich so einsam gewesen. 19 Jahre habe ich alleine Weihnachten gefeiert.“

Das zum Mieten der Ladenfläche angemeldete Gewerbe hat die rüstige Rentnerin behalten. Ihren Service als Änderungsschneiderin übt sie jetzt in ihrer Wohnung aus. Neukunden werden mit persönlich in der Viehofer Straße verteilten Flyern akquiriert. „Um so zu leben – mit diesen ganzen Bequemlichkeiten hier, dem Putzservice, Internet, Medienraum, Wellnessbereich und den ganzen Begegnungsmöglichkeiten – muss ich halt was tun.“

Die Wohnmietpreise starten bei 370 Euro für ein WG-Zimmer (Warmmiete) bzw. bei 452 Euro für eine Wohnung (Kaltmiete). 35 bis 62 Quadratmeter stehen zur Verfügung. Von insgesamt 34 Quartieren waren bei Redaktionsschluss noch 22 vakant. Auf www.generationenkult.de macht Wiesemann seine Kalkulation transparent und begründet: „Meine Investition in das GeKu-Haus muss für mich als Inhaber gerecht bezahlt werden – ich muss ungefähr das bekommen, was ich auch bekommen hätte, wenn ich das Geld statt dessen irgendwo angelegt und Zinsen kassiert hätte. Hinzu kommen Reparaturkosten, die in die Miete einkalkuliert werden und die Abnutzung. Zum Schluss muss ich etwa fünf Prozent Aufschlag dafür rechnen, dass immer wieder Flächen leer stehen werden.“ Wiesemann macht keinen Hehl daraus: „Im GeKu-Haus sind die Mieten 50 Prozent teurer als in vergleichbaren Häusern, weil jeder vermietete Quadratmeter einen halben Quadratmeter in den Gemeinschafsbereichen mit finanzieren muss. Wir haben riesige Gemeinschaftsbereiche, und diese sind die schönsten Bereiche im ganzen Haus.“

Dazu zählt auch die Lounge im neu errichteten Dachgeschoss, angelegt wie ein Wintergarten mit Terrassen an drei Seiten, fantastischer Aussicht, Rutschbahn in die Coworking Area, Gemeinschaftsküche für alle Nutzer des Hauses (groß genug für fünf Köche auf einmal), mit Profi-Dunstabzug, Zapfanlage, Weinschrank und sechs Kühlschränken. Die werden von Gabriela Eichwald bestückt und fungieren als eine Art Mini-Markt. Es gibt Milchprodukte, Fertiggerichte, die Tiefkühlabteilung, Brottheke und einen Süßigkeitenbereich. Man nimmt sich, was man braucht, hinterlässt eine Markierung im Buch. Das Bezahlen läuft auf Vertrauensbasis.

„Sollte das nicht funktionieren und am Ende des Monats ein Defizit vorliegen, werden die Preise erhöht.“ Auch das erklärt Wolfgang Nötzold Interessenten, denen er die Wohnungen oder/und Arbeitsflächen zeigt. „Da sind die unterschiedlichsten Leute dabei. Passenderweise bietet dieses Projekt ganz große Freiräume, aber auch eine Rahmenstruktur, die jeden, der das Haus besichtigt, schnell erkennen lässt, ob es zu ihm passt.“ Ihm selbst „erschien es wie der große Planet, der plötzlich da ist“. Zwei Jahre vor dem Eintritt ins Rentenalter hatte der Dortmunder begonnen, nach einem Wohnprojekt zu suchen, in dem er „zwar alleine, aber nicht isoliert leben“ konnte. Aus einer Rundmail vom UnperfektHaus erfuhr er von Reinhard Wiesemanns neuer Investition in der Essener City Nord und war sofort begeistert. „Was? In die abgerissene Gegend willst du ziehen?!“, fragte ein Freund. Nötzold schwärmt: „Allein die Kinoszene hier, das Kultur- und Gastronomieangebot – alles in nächster Nähe.“



Fotos: Kaco, Text: Isabelle Reiff


Vormittag der offenen Tür
GenerationenKult-Haus Viehofer Str. 31, 45127 Essen; Termin: 4.2. und jeden 1. Samstag im Monat, 11-13 Uhr; Kontakt: Tel. (0201) 84735-0 (Reinhard Wiesemann)

http://www.generationenkult.de