30.01.12
Short Messages
Keith Harings Poster und Plakate
Oberhausen. Wie kein anderer Künstler hat Keith Haring in den 1980ern den öffentlichen Raum besetzt – mit Graffiti im poppigen Piktogramm-Stil. Die Ludwiggalerie zeigt Harings Schaffen unter einem speziellen Aspekt:

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Haring als Plakatgestalter. Mit Postern und Plakaten warb der New Yorker für seine Ausstellungen und seine Weltsicht, für Aids-Prävention, aber auch für Wodka, Zigaretten und Armbanduhren.


Street-Art goes Werbung. Davor war Keith Haring, jung verstorbener Shootingstar der 1980er-Jahre-Kunstszene, absolut nicht fies. Wie sein Freund und Vorbild Andy Warhol wollte Haring die Kunst in alle Bereiche des Lebens integrieren und scheute nicht den kommerziellen Einsatz seiner künstlerischen Mittel. Mit markanten Strichmännchen und einer ganz eigenen Symbolsprache kreierte er weltbekannte Werbekampagnen für Swatch, Lucky Strike und Absolut Vodka.


Plakate im öffentlichen Raum, deren Message man auf einen Blick erfassen kann, waren damals das perfekte Medium zur Verbreitung von Botschaften aller Art. Haring wusste das und gestaltete zwischen 1982 und 1990 rund 85 Poster und Plakate. Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen kann (dank Kooperation mit dem Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg) bis Anfang Mai die komplette Sammlung präsentieren.
Haring, geboren 1958 in einem Kaff in Pennsylvania, war kein elitärer Schöngeist, sondern ein Künstler für die Massen und die Massenmedien, ein Kommunikator und begnadeter (Selbst-)Vermarkter. Als 20-Jähriger floh er aus der piefigen Provinz in die pulsierende Metropole. New York, seine Szene und Kunstakademie, bot ihm den nötigen Freiraum. Trotz seiner bürgerlichen Herkunft verstand er sich eher als Kind der Straße, das sich mit Begeisterung in die Graffiti-Szene einklinkte. Mit seinen cartoonähnlichen Piktogrammen und Strichmännchen, flott hingeworfen in weißer Kreide auf schwarzen Werbetafeln in den New Yorker U-Bahn-Stationen, startete er eine schnelle und steile Karriere als Held der Gegenkultur. Obwohl er in den wenigen Jahren bis zu seinem Tod Anfang 1990 regelmäßig auch in bekannten Museen und Galerien ausstellte, fanden die Aktivitäten, die ihm seine größten Erfolge sicherten, außerhalb des Kunstestablishments statt. Darunter auch im Plakatdesign.


Sein erstes Plakat entwarf der 24-Jährige im Jahr seines internationalen Durchbruchs, 1982: ein grafisches Statement ohne Worte gegen Atompolitik und nukleare Aufrüstung. Unter gestalterischen Kriterien muss man zugeben: Sein Erstlingswerk ist ihm völlig misslungen – ein schwarz-weißes Wimmelbild mit bekannten Elementen aus Harings Zeichenwelt (darunter sein Logo, das „Strahlenbaby“, sowie Engelsfiguren, Atompilz etc.), ein Allover aus Figuren und Zeichen, die selbst aus der Nähe nur mühsam entziffert werden können, aus der Distanz überhaupt nicht. Als Plakat denkbar ungeeignet. Das passierte Haring nie wieder. Seine späteren Poster – ob gesellschaftspolitisch motiviert, Veranstaltungshinweis oder waschechte Produktwerbung – bringen die Message mit wenigen dynamischen Strichen und poppigen Farben zielgenau auf den Punkt.


Paradebeispiel ist das Plakat anlässlich seiner Ausstellung 1986 im Amsterdamer Stedelijk Museum. Hier konzentriert er sich auf ein Zentralmotiv und setzt es kontrastreich vor einen komplementärfarbenen Hintergrund: ein kraftstrotzendes Strichmännchen, das nach Art der Gewichtheber triumphierend einen Hering stemmt – zweifelsfrei ein selbstbezügliches Spiel mit seinem Namen (niederländische Heringe schreiben sich mit a).


Alle Bildelemente sind „typisch Haring“. Wiederkehrende Motive wie das Strahlenbaby oder der bellende Hund werden zu Markenzeichen mit weltweitem Wiedererkennungswert. Haring verwendet sie sowohl in seinen künstlerischen wie auch werblichen Arbeiten. Oberhausen zeigt die ganze Bandbreite: von selbstinszenierten Kampagnen gegen Aids-Ignoranz, atomare Aufrüstung und Drogenmissbrauch über künstlerische Kooperationswerke (z.B. mit Konzeptkünstlerin Jenny Holzer) bis hin zu Auftragsarbeiten wie die Plakate für das Jazzfestival in Montreux oder als Produktwerbung: Harings kleine Strichmännchen tanzen um Wodkaflaschen oder Armbanduhrmodelle und umjubeln sie wie Popstars.


Aufgrund persönlicher Betroffenheit widmete Haring sich in seinen letzten Jahren eindringlich und ausdrucksstark dem Kampf gegen Aids. Zu seinen letzten Posterentwürfen zählt „Ignorance = Fear, Silence = ­Death“, 1989. Schrillgelbe Strichmännchen mimen hier die berühmten drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Die Synthese von Bild und Schrift, der Einsatz weniger Elemente, die sekundenschnell erfasst werden können, appellieren gegen die Tabuisierung der Krankheit. Die Zusammenschau zeigt eindrucksvoll: Auch über zwanzig Jahre nach Harings Tod haben seine Bilder ihre Signalkraft nicht verloren.


Autor: ch

 


Keith Haring: Short Messages. Poster und Plakate 1982-1990

Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer Allee 46, 46049 Oberhausen, (0208) 412 49 28; Dauer: bis 6.5.; Zeiten: Di-So 11-18 Uhr (©Keith Haring Foundation, Foto: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)

http://www.ludwiggalerie.de